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Trierischer Volksfreund
Ausgesprochenes Schnitzelverbot
fabuLyriker mit Mauerschau in der Tufa.
Trier. Das Biergartenwetter machte es nicht leicht, den lauen Sommerabend im
geschlossenen Raum zu verbringen. Dennoch fanden sich Kultur-Interessierte
im
kleinen Saal der Tufa ein, um dem "uneinheitlich einheitlich"-Programm der
FabuLyriker zu folgen. Kurzweilig und ausgesprochen klangvoll lieferten sie
anhand ihrer Inszenierung literarischer Zitate Einblicke in Ost- und
West-Köpfe,
Lebensweisen und Gefühle.
Wernergrüner gegen Bitburger, derbes Karohemd gegen blütenweißes
Hemd mit Krawatte, einfacher Holzstuhl gegen schicke Stuhlhusse,
Blumenkittel gegen Business-Blazer – schon Kulisse und Kostüme
spielen plakativ mit den Unterschieden zwischen Ost und
Westdeutschland.
Doch die FabuLyriker haben das deutsch-deutsche Thema auch verbal
zu einem stimmigen Programm-Paket geschnürt. Fabu wie bitte? Die
FabuLyriker sind eigentlich ehemalige Sprecherzieher-Studienkollegen,die sich durch ihr Faible für die szenische Umsetzung literarischer Stoffe
zusammengefunden haben. Das Trio komplettiert sein Ensemble je nach
Produktion durch wechselnde Gäste. Diesmal zeigt Timo Filke sein
Können, welches er unter anderem an der Kölner Schauspielschule
Arturo erlernte. Sein damaliger Lehrer: FabuLyriker Gunnar Pietsch.
Nun stehen sich Schüler und Lehrer auf Augenhöhe gegenüber – zwischen ihnen
die stilisierte
Stacheldraht-gespickte Mauer – spielen den gut situierten Karriere-Wessi und
den im
monotonen Arbeitsablauf gefangenen Ossi. Eine ganze Palette bekannter
Autoren von
Enzensberger bis Gernhardt legt ihnen die für die jeweilige Szene passenden
Worte in den
Mund: einen leicht ironisch-nostalgischen Blick auf seine DDR wirft Timo
Filke mit Peter Hacks
("Mein Dörfchen hier heißt DDR…"), Hans Scheibners "Interview" kleiden die
FabuLyriker in
ein Verbal-Duell zwischen Ost- und Westminister (gewitzt moderiert von
Harlekin-Erzählerin
Frauke Beling), oder reißen die Mauer musikalisch begleitet von Helmut
Krügers "Mauertanz"
ein.
Humoristisch und tragisch zugleich mutet Herminchens Hühner-Debakel an: das
kleine, vom
Kunstlehrer ausgeschimpfte Schulmädchen (sehr süß: Anke Kramer mit
Schleifenhaarreif)
kann einfach nicht verstehen, weshalb ihr weißes Huhn Herta auf blauem Grund
wenig
Anklang bei dem Pädagogen findet. Erst als auch der mit dem Bild
konfrontierte Papa
(überzeugend: Gunnar Pietsch) entsetzt die Hände vor die Augen schlägt und
ihr verordnet: "Lass die verdammten Tauben in Frieden! Male in Zukunft lieber Autos,
Flugzeuge oder
Panzer – jedenfalls was Friedliches" wird klar, dass die ungewollte
Ähnlichkeit Hertas mit der weißen Taube fatale Folgen haben kann.
Gesundheitsfanatische Gattin
Ungleich resoluter präsentiert sich die Saarburgerin Anke Kramer, wenn sie
als
gesundheitsfanatische Gattin ihrem Mann das heiß geliebte Schnitzel
verbietet und
stattdessen Bratlinge verordnet – klar, dass diese essenstechnische
Geißelung (herrlich
humorvoll: Robert Gernhardts "Diät-Lied") nur in der westlichen
Warenvielfalt möglich ist.
Kontrastreich zeigt sich der Osten, der die Menschen mit Silage und
Schichtarbeit am
Fließband zu monoton agierenden Arbeitern degradiert, denen das Denken
parteilich
untersagt wird. Doch auch nach dem Mauerfall und dem Besuch der
West-Verwandtschaft
verpuffen die unzähligen Versprechungen und Möglichkeiten schnell im Nichts.
Arbeitslosigkeit
und Existenzängste steigern sich so weit, dass sie sich sogar am Ende zu
einer Reprise Hans
Scheibners "Ich mag so gern am Fleißband stehn" hinreißen lassen und nun zum
Konjunktiv
greifen müssen: "Ich würd so gern am Fleißband stehn..".
16.05.2006
MELANIE WOLLSCHEID |